Valentin Dander

Die Medienkritik, die wir meinen

Valentin Dander

Die Medienkritik, die wir meinen

Zur Person

Seit Februar 2017 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt LOERSH – Landesweite OER-Qualifizierung Schleswig-Holstein am Seminar für Medienbildung, Europa-Universität Flensburg und seit 2015 Promovend an der Universität zu Köln zum Themenfeld „Subjekt – Daten – Bildung“.

Forschungsschwerpunkte sind u.a. (kritische) Bildungstheorie, gesellschaftstheoretische Perspektiven der Medienpädagogik, Diskurs- und Dispositivforschung, Big Data und digitale Daten sowie Medien- und Datenkritik.

 

Die Medienkritik, die wir meinen

Die Einladung zum Symposium zeigt an, dass die Rede von „Medienkritik“ jeweils der Präzisierung bedarf: Zielt der Begriff auf die Medienkritik von Medienpädagog*innen oder die der Teilnehmer*innen an medienpädagogischen Projekten? Oder zielt er gar auf die Medienkritik, zu der in der Medienpädagogik Forschende fähig sind? Ist damit die Medienkritik gemeint, die in bestimmten Theorien und Konzeptionen angelegt ist, die also damit geübt werden kann oder jene Medienkritik, die damit geübt wird? Ist diese Medienkritik auf ökonomischer, sozio-kultureller, politischer oder technischer Ebene zu verorten? Geht es ‚uns‘ um eine Medienkritik zur Verbesserung theoretischer Modelle oder geht es um eine Medienkritik zur Verbesserung der Welt? In welchem Verhältnis stehen ‚Medien‘ und ‚Kritik‘ im Begriff der Medienkritik: ist die Verbindung als Kritik durch Medien, Kritik in oder an Medien zu verstehen? Sofern Medien kritisiert werden (sollen), geht es dabei um eine Kritik der Medien und ihrer Nutzung oder vielmehr um eine Kritik der Bedingungen, die Medien und verschiedenen Mediennutzungsweisen zugrunde liegen? Zielt die Beschäftigung mit dem Begriff darauf zu bestimmen, was diese Medienkritik ‚ist‘, wie sie konzipiert werden kann oder darum, was sie kann (bzw. was wir mit ihr machen können)? Und schließlich bleibt zu fragen, ob mögliche Antworten im Modus eines ‚entweder-oder‘ oder eines ‚sowohl-als-auch‘ operieren müssten?

Diese Fragen sind weder rhetorisch noch trivial. Sie zu stellen richtet die Perspektive auf die Mehrdimensionalität von „Medienkritik“. Ein solcher Blick dient – ganz im Zeichen von Medienkritikfähigkeit – der Analyse und einer Ethik durch In-Frage-Stellung und Selbstreflexion medienpädagogischer „Medienkritik“ (als Fähigkeit und Begriff der Disziplin).

Wenn die letzte Frage mit einem Plädoyer für ein sowohl-als-auch beantwortet wird, muss weiter gefragt werden, wie es möglich werden kann, dass nicht nur Medienpädagogik in ihren (theoretischen, empirischen, professionellen) Bemühungen diesem breit angelegten Anspruch gerecht werden kann, sondern dass auch Mitwirkende  sich in medienpädagogischen Projekten ein durchdringendes Verständnis und eine kritische Haltung reflektierter Involviertheit zu eigen machen können. Wenn die Medienpädagogik als akademische Disziplin nicht in der Lage ist (und wie könnte sie?), alle theoretisch-analytischen und kritischen Perspektiven in Echtzeit auf sozio-mediale Konstellationen im Kleinen wie im Großen zu richten, wie können wir dies von den „Leuten“ (gemeint im Sinne der Cultural Studies: „the people“) verlangen?

Nicht nur die akademische Disziplin, auch professionelle pädagogische Bemühungen müssen notwendig selektieren. Ich möchte hier dafür argumentieren, dass eine solche Medienkritik im Kern medienpädagogischer Bemühungen stehen muss, die in der Lage ist, eine radikale, gesellschaftliche Kontextualisierung von „Medien als Lerngegenstand“ im Lichte kapitalistischer und anderer herrschaftlicher Verhältnisse vorzunehmen. Die große Herausforderung ihrer Übersetzung in praktische Methoden und Maßnahmen, die keiner strukturellen Benachteiligung zuarbeiten, muss zwar an den Erfahrungen der Leute ansetzen, darf dabei aber nicht stehen bleiben. Sollte diese Übersetzung nicht gelingen, so wäre daraus ein klarer Auftrag an theoretische und Forschungsarbeiten abzuleiten, Verbindungen zwischen individualisierten Erfahrungen und gesellschaftlichen Machtverhältnissen zu rekonstruieren und offen zu legen.

Medienpraxis zieht nicht automatisch ein kritisches Verhältnis zu sich und den Medien in der Gesellschaft nach sich. Wäre es so, die Medienpädagogik in Forschung und Anwendung könnte sich ein neues Feld suchen, denn Medienkritik wäre dann ausschließlich Sache der Leute.

 

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