Prof. Dr. Thomas Knaus

Medienkritik und Digitalität – Vom binären Denken in pluralen Gesellschaften

Prof. Dr. Thomas Knaus

Medienkritik und Digitalität – Vom binären Denken in pluralen Gesellschaften

Zur Person

Wissenschaftlicher Direktor des Frankfurter Technologiezentrums [:Medien] – FTzM
Mitglied des Lenkungskreises der Initiative Keine Bildung ohne Medien! (KBoM!), Mitglied des Bundesvorstands der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK) sowie Sprecher der Fachgruppe Qualitative Forschung.
Forschungsschwerpunkte: Pädagogische und didaktische Potentiale des Digitalen („digitale Bildung“/Medienbildung); Methodologien medienpädagogischer Forschung; Mediensozialisation; Schulentwicklung (i. W. schulische Medien­entwicklung, Medienbildungskonzepte und IT-Organisation); Techniktheorie; Lernmotivation; Entwicklung und Evaluation digitaler Lehr-Lern-Werkzeuge; Text und Bild in digitaler Kommunikation.

 

Medienkritik und Digitalität – Vom binären Denken in pluralen Gesellschaften

In der Wissenschaft ist Kritik Voraussetzung für Entwicklung – und ist daher Pflicht jedes wissenschaftlich Arbeitenden; im Alltagsverständnis bezeichnet Kritik hingegen eher die negative Beurteilung eines Gegenstandes oder einer Handlung – ist eine Beanstandung oder Bemängelung. Medienkritik wird daher nicht selten zu einer Kritik an Medien verkürzt („Lügenpresse“, Schädlichkeit des Medienkonsums, „Digitale Demenz“ etc.).

Blickt man in die Geschichte des Kritikbegriffs, so zeigt sich – prominent bei den Denkern der An­tike und der Aufklärung –, dass Kritik den Prozess der Wahrheitsfindung, also die (Unter-)Schei­dung von wahr und falsch, bezeichnet (griechisch κριτική bzw. kritikē, abgeleitet vom Verb κρίνειν bzw. krínein). Auch heute suggeriert das binäre Zahlensystem als Basis des Digitalen, dass eine Wahrheitsfindung in der Tradition der antiken Philosophen möglich wäre: In einer Welt aus 1 und 0 kommt der Binarität von wahr und unwahr einige Plausibilität zu. Just das „digitale“ Zeitalter trifft jedoch auf Gesellschaften mit pluralen Wahrheitsvorstellungen (bisweilen sogar „alternativen“ Wahrheiten: alternative facts), – und entzieht sich so der Binarisierung.

Wenn wir uns heute auf die Wahrheitssuche begeben, sind dabei stets (digitale) Medien beteiligt – da Medien in nahezu jeder Form der produktiven Verarbeitung von Wirklichkeit sowie der Konstruktion von Subjekt und Gesellschaft beteiligt sind. Aus diesem Grund ist Medienkritik im „digitalen“ Zeitalter breiter zu fassen, als Dieter Baacke (1996), Gerhard Tulodziecki (1997), Stefan Aufenanger (1997) und Heinz Moser (2000) für eine jüngst vergangene Zeit noch definieren konnten, in der Mediennutzung durch Freiwilligkeit geprägt war. Wenn also Kritik auch im „digitalen“ Zeitalter der Wahrheitssuche dienen soll, (digitale) Medien und Werkzeuge omnipräsent und in fast allen kommunikativen Vollzügen involviert sind, dann entwickelt sich die Medienkritik von der elementaren Aufgabe im Dienst einer selbstbestimmten Mediennutzung in ihren reflexiven, ethischen und analytischen Dimensionen zu etwas Umfassenderem – und nichts Geringerem als unserem erkenntnistheoretischen Zugang zur Welt und erkenntnismäßigem Zugriff auf die Welt.

 

Literatur:

Aufenanger, Stefan (1997): Medienpädagogik und Medienkompetenz – eine Bestandsaufnahme. In: Enquete-Kommission Zukunft der Medien in Wirtschaft und Gesellschaft. Deutscher Bundestag (Hrsg.): Medienkompetenz im Informationszeitalter. Bonn, S. 15–22.

Foucault, Michel (1992): Was ist Kritik? (übers. Walter Seitter). Berlin: Merve.

Kant, Immanuel (1960): Über Pädagogik (hrsg. Theo Dietrich). Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

Knaus, Thomas (2017): Pädagogik des Digitalen – Phänomene – Potentiale – Perspektiven. In: Eder, Sabine / Micat, Claudia / Tillmann, Angela (Hrsg.): Software takes command, München: kopaed [im Erscheinen].

Niesyto, Horst (2006): Medienkritik und Mediensozialisation. In: Niesyto, Horst / Rath, Matthias / Sowa, Hubert (Hrsg.): Medienkritik Heute: Grundlagen, Beispiele und Praxisfelder, München: kopaed, S. 53-70.

Niesyto, Horst (2008): Medienkritik. In: Sander, Uwe / von Gross, Friederike / Hugger, Kai-Uwe (Hrsg.): Handbuch Medienpädagogik, Wiesbaden, S. 129-135.

Platon (1915): Phaidros oder Vom Schönen (übers. Friedrich Schleiermacher). Leipzig: Reclam

Rosa, Hartmut (2013): Historischer Fortschritt. In: Willems, Ulrich / Pollack, Detlef / Basu, Helene / Gutmann, Thomas / Spohn, Ulrike (Hrsg.): Moderne und Religion. Kontroversen um Modernität und Säkularisierung, Bielefeld: transcript.

Moser, Heinz (2000): Einführung in die Medienpädagogik. Aufwachsen im Medienzeitalter. Opladen: Leske + Budrich.

Schelhowe, Heidi (1997): Das Medium aus der Maschine. Zur Metamorphose des Computers. Frankfurt am Main: Campus.

Tulodziecki, Gerhard (1997): Aufgabenbereiche der Medienpädagogik. In: Medien in Erziehung und Bildung. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S. 142–221.

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