Ass.-Prof. Mag. Dr. Petra Missomelius

Kritik als Cultural Hacking. Zur Ermöglichung widerständiger Praktiken

Ass.-Prof. Mag. Dr. Petra Missomelius

Kritik als Cultural Hacking. Zur Ermöglichung widerständiger Praktiken

Zur Person

Universität Innsbruck, Institut für Medien, Gesellschaft und Kommunikation
Forschungsschwerpunkte: Bild- und Techniktheorie; Mediale Räume; Digitale Medien in Prozessen der Wissensgenerierung; Störung und subversive Nutzung von Netzwerktechnologien; Postbiologische Körperkonzepte
Aktuelles Forschungsprojekt: „Bildung im Kontext transformativer Medienkulturen“

 

Kritik als Cultural Hacking. Zur Ermöglichung widerständiger Praktiken

Die Formulierung „kritisch-reflexiver Umgang mit Medien“ scheint im aktuellen Diskurs um Medienbildung ebenso formelhaft wie zahnlos. Waren wesentliche Bezugsgrößen für „kritisches Denken“ als Bildungsziel Aufklärung und Selbstbestimmtheit – so sind diese heute ihrer Relevanz und Sprengkraft beraubt (warum dies so ist, wäre an anderer Stelle weiter auszuführen) und Teil von ökonomisch getriebenen Marketingkonzepten.

Im Verständnis der Selbstsorge (Wunden 2006) ist Kritik als Tugend mit der Infragestellung von Regeln des Gehorsams verbunden, denen sich das Subjekt zu unterwerfen habe. Das ‘Wahr-Sagen’ der Parrhesia kann seinen Ausdruck in der Narretei oder dem Kabarett finden. Diesen Gedanken kann man in Beziehung zur Medienkritik setzen und durch die Infragestellung medialer Logiken im cultural hacking (Düllo & Liebl 2005) fortführen. Das Hacking in der Mediengesellschaft richtet sich auf Strukturen, Netze, Protokolle und Praktiken, d.h. an Medien als soziotechnische Infrastrukturen, die in weitere gesellschaftlichen Strukturen eingebettet sind und demnach ebenso an deren Möglichkeiten zur latenten Beeinflussung von Diskursen. Beispiele für diese Art des cultural hacking sind etwa Orson Welles Radiohörspiel einer imaginären Invasion durch Marsianer (1938), Jan Böhmermanns Check des Varoufakis Mittelfinger-Videos (2015), Aktivitäten der Yes Men oder des Zentrums für Politische Schönheit.

Dabei geht es keineswegs um illegale Vorgänge und schädigenden Medieneinsatz, sondern um eine Form des Medienaktivismus als ein Beherrschen medialer Codes und Logiken. In den Mainstream-Medien findet dennoch seit einigen Jahren eine massive Diskreditierung von Hacking durch negative Konnotationen mit Cracking (dem Rauben und Zerstören von Daten und digitalen Netzen), Gesetzesbruch und der Fixierung auf den destruktiven Umgang mit Daten statt, welche die Geschichte und Hintergründe der Hacking-Bewegungen außer Acht lassen. Derartige Verunglimpfungen des Hacking als gewaltvoll-zerstörerisch geschehen nicht selten, um Voraussetzungen für fortschreitende Kontrolle zu schaffen und Sicherheitsmaßnahmen zu rechtfertigen. Gegenstrategien zur Überwachung und Kontrolle wie counterveillance oder sousveillance würden in dieser Perspektive Ermächtigungsprozesse im Sinne informationeller Selbstbestimmung bedeuten.

Insofern ist cultural hacking in der digitalen Medienkultur Ausdruck für mediale Bedingungen und ermöglichte widerständige Praktiken. Die Kritikform macht sich die Logik der Netzwerkmedien zu eigen, greift Konventionen kommerzieller Medienkulturen auf und stellt diesen eigene Entwürfe gegenüber. Dies geschieht innerhalb der Mediennutzung, nicht aus einer kulturpessimistischen Abwehrhaltung. Zentral hierfür sind das Verstehen von Funktionslogiken, von kulturellen Skripten und den Umgang mit medienkulturellen Codes. Damit bewegte sich das Hacken der Codes digitaler Medienkulturen als Bildungsziel Kritik am ‘Quellcode der Bildung’.

Kritik als Dissens (vgl. Butler 2011) drückt sich in widerständigen Praktiken aus. Dieser Dissens wiederum muss durch bildungsinstitutionelle Unterstützung ermöglicht werden. Könnte Medienbildung als „Operationsmesser, Molotow-Cocktails oder unterirdische Stollen“ innerhalb des Bildungssystems zur Veränderbarkeit erstarrter und bürokratisierter Organisationsstrukturen formeller Bildungsinstitutionen fungieren, so wie Foucault dies für seine Bücher wünschte (Foucault 1976: 129) und damit den Fokus auf Bildung als ganzheitliche Selbsttransformation (in Anlehnung an Rorty 2009, Marotzki 1990 und Koller 2000) lenken? Die dringliche Frage angesichts der Transformationsdynamiken der „Wissensgesellschaft“, in welcher Wissen als berufsqualifizierendes Ansammeln von Informationen (miss-)verstanden wird, ist sicherlich, welche Art von Wissensformen und -praktiken subversiven Wissens aufgeboten werden können, um dem oben formulierten Anspruch zu genügen und sich Bildung als Molotow-Cocktail im anfänglich zitierten Foucault’schen Sinne zu nähern. Michel Foucault hat in einer Vorlesung 1976 vom „Aufstand der unterworfenen Wissensarten“ gesprochen: dabei verwies er auf historisch verschüttete Inhalte, welche wieder zum Vorschein gebracht werden sollten, sowie als unsachgemäße Wissensarten disqualifizierte Inhalte, von ihm genealogisches Wissen genannt, die in der Hierarchie der Wissenschaften keinen Zuspruch finden konnten (Foucault 1978: 59ff.). Insofern handelt es sich bei der Dimension ‚Kritik‘ in der Medienbildung durchaus um widerständige Handlungsfähigkeit, um politische Artikulation und um das spielerische Ausloten von Grenzen.

 

Literatur:

Butler, Judith (2011): Kritik, Dissens, Disziplinarität. Zürich: Diaphanes.

Düllo, Thomas & Liebl, Franz (2005) (Hrsg.): Cultural Hacking: Kunst des Strategischen Handelns, Wien/New York: Springer.

Foucault, Michel (1976): Mikrophysik der Macht. Berlin: Merve.

Foucault, Michel (1978): Dispositive der Macht. Berlin: Merve.

Koller, Hans-Christoph (2000): Bildung in der (Post-)Moderne. In: Pedagogisch Tijdschrift (25/2000), Nr. 3/4, 293-317.

Marotzki, Winfried (1990): Entwurf einer strukturalen Bildungstheorie. Weinheim: Deutscher Studien Verlag.

Missomelius, Petra (2015): Bildungsinstitutionen und vernetzte Lernkulturen. Verflechtungen zwischen Ökonomisierung, Öffnung und Molotow-Cocktail. In: Andreas Weich und Julius Othmer (Hrsg.): Medien – Bildung – Dispositive. Beiträge zu einer interdisziplinären Medienbildungsforschung. Berlin, Heidelberg, New York: Springer Verlag, S. 157-169.

Missomelius, Petra (2016): Zur Dimension der Kritik als Zielvorstellung von (Medien-)Bildung. In: Theo Hug, Tanja Kohn und Petra Missomelius (Hrsg.): Medien – Wissen – Bildung: Medienbildung wozu? Innsbruck: innsbruck university press, S. 127-137.

Rorty, Richard (2009): Philosophy and the Mirror of Nature. Thirtieth-Anniversary Edition. Princeton University Press.

Wunden, Wolfgang (2006): Selbstsorge als Quelle kritischer Kompetenz. In: Niesyto, Horst (Hrsg.): Medienkritik heute. Grundlagen, Beispiele und Praxisfelder. München: Kopaed (Medienpädagogik interdisziplinär, 5), S. 87-99.

1 Response

  1. Endlich eine Perspektive, die über das in Deutschland verbreitete Verständnis von Medienpädagogik hinausgeht und anschließt an Kontexte der Cultural Media und Gender Studies. ich bin sehr gepannt auf das Statement!

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